Computerspiele für die Ohren

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Das erste Highlight jeder Games Convention ist zweifelsohne das legendäre Spielemusikkonzert GC in Concert, welches seit 2003 immer am Fachbesuchertag im Leipziger Gewandhaus aufgeführt wird. Auch in diesem Jahr hat das Prager FILMharmonic Orchestra und dessen Chor die Gäste in die fantastische Welt der Videospiele entführt und wurde dabei auch wieder von Andy Brick dirigiert. Ihm ist es zu verdanken, dass diese Konzerte für Musikbegeisterte überhaupt außerhalb Japans inszeniert werden. Der Standort Leipzig hat sich seit dem ersten Symphonie im Jahr 2003 in der westlichen Welt etabliert und zieht jedes Jahr Kunstkenner und Liebhaber von weit her an.

 Thumbnail Für mich war es das erste Mal, dass ich nicht nur das Leipziger Gewandhaus besuchte, sondern überhaupt an so einem klassischen Konzert zuhörte. Zusammen mit meinem bestem Kumpel, einem leidenschaftlichen Filmmusik-Sammler, wollte ich in diesem Jahr unbedingt Mal dieses Konzert erleben, auch wenn ich nicht mal alle Spiele kenne, deren Titelmelodien in diesem Jahr gespielt worden. Dieses Jahr sollte es wieder eine bunte Mischung aus C64-, Amiga-, PC- und Konsolenspielen geben. Außerdem waren viele Komponisten der aufgeführten Stücke selbst vor Ort und gaben anschließend Autogramme. Einer von diesen Komponisten ist Chris Hülsbeck. Seit den 80er Jahren komponiert er Melodien für Video- und Computerspiele und ist bei den C64- und Amiga-Fans schon fast ein Guru. Bekannte Titel von ihm sind "The Great Giana Sisters" und "Turrican II", welche beide beim Spielekonzert aufgeführt wurden.

 Thumbnail Das Leipziger Gewandhaus befindet sich direkt in der Innenstadt am City-Hochhaus und beeindruckt von außen schon durch seine auffällige Architektur. Der in den 70er Jahren entworfene Neubau erinnert an einen DDR-Kulturpalast, der mit einer großen Fensterfront den Augustusplatz dominiert. Innen befinden sich viele Treppen, an den Wänden Ölgemälde und jede Menge Türen zum eigentlichen Großen Saal. Dieser riesige Raum mit beinahe 2000 Sitzplätzen erinnert an ein gewaltiges Tonstudio. Die Wände sind für eine perfekte Akustik an vielen Stellen verkantet, die Ränge sind wie in einem verwinkelten Opernhaus angeordnet, die Orchesterbühne liegt unterhalb der Zuhörerplätze und hinter dem Orchester erstreckt sich eine mächtige Schuke-Orgel mit 6638 Pfeifen. Diese Orgel kam auch zwei Mal beim Konzert zum Einsatz.

 Thumbnail  Thumbnail Das Konzert sollte am Mittwoch Abend um 20 Uhr beginnen. Eine halbe Stunde vorher versammelten sich noch die meisten Besucher auf dem Augustusplatz und man hatte gleich das Gefühl, dass in Leipzig die Games Convention stattfindet. Neben erwartungsgemäßgen Konzertgästen in Anzügen hüpften viele Jugendliche mit Clanshirts und anderer Gaming-Kleidung herum. Einige, aus der Menge herausstechende Asiaten waren ebenso Besucher des Konzerts wie ältere Menschen, denen man kaum einen Bezug zu Videospielen zutrauen würden. Mein Freund und ich hatten unsere Sitzplätze auf der Orgelempore - etwa einen Meter neben dem Spieltisch. Während eines der Stücke, das die tschechische Organistin Daniela Kosinová spielte, vibrierte die gesamte Empore so gewaltig, dass man eine Gänsehaut bekam. Und dieses tolle Gefühl trat mehrfach während des Abends auf, was natürlich vorallem an den symphonischen Stücken lag, die das tschechische Orchester aufführte.

 Thumbnail Das Konzert wurde eröffnet mit einem C64-Medley. Darin wurden fünf große Commodore64-Titel interpretiert, welche alle aus den 80er Jahren stammen: The Great Giana Sisters (1987, Chris Hülsbeck), The Last Ninja (1987, Ben Daglish), Wizball (1987, Martin Galway), Forbidden Forest (1983, Paul Norman) und Zoids (1986, Larry Fast). Dass C64-Spiele so viele kreative Komponisten ansprach lag vorallem am dreistimmig polyphonen Soundchip MOS Technology SID 6581. Dieser Soundchip war für Hobbymusiker eine kleine Revolution. Bei YouTube finden sich viele Videos, welche die Verehrung der C64-Musik von leidenschaftlichen Gamern deutlich machen.

Das Konzert wurde von einem Leipziger Fernsehjournalisten moderiert, welcher zwar oftmals vom Applaus der Zuhörer übertönt wurde, aber insgesamt sehr professionell und witzig durch das Konzert führte. Er kündigte weitere Solisten an und unterbrach die Stücke nur selten, sodass man als Zuhörer die Melodien ohne große Unterbrechungen genießen konnte.

 Thumbnail Es folgten mehrere Kompositionen asiatischer Spiele, Stranglehold mit dem Tequila Main Theme und die End Credits von New Super Mario Bros. aus dem Jahr 2006. Es folgte ein Sprung in die Zukunft. Die Suite des Spieles The Abbey (Hörproben-Download bei GC-Germany.com) wurde mit dem Einsatz der Orgel sehr eindrucksvoll eingespiel - das Adventure selbst kommt erst 2008 auf den Markt. Danach hörten wir das Main Theme zu Ragnarok Online 2, was wohl zu einem der besondersten Stücke des Abends gehörte. Im Mittelpunkt vor dem Orchester stand ein nervöser, acht-jähriger Junge. Josef Krušek singt einen Knabensopran und kann mit einer wahnsinnig guten, hohen Stimmlage begeistern. Die anschließende Suite zu Rayman Raving Rabbids sorgte wieder für etwas auflockernde Atmosphäre.

Auf den nächsten Titel freute ich mich ganz besonders. Es wurde die Suite von Blizzards StarCraft eingespielt, welche mir auch einst beim Spiel selbst schon sehr gut gefiel. Blizzard bietet auf seiner Seite den sogenannten Battle.net MP3 Player an, mit welchem man nicht nur die düsteren Klänge von StarCraft, sondern überhaupt alle Melodien jedes Blizzard-Spieles anhören kann. Nun wurde es wieder poetisch. Es wurde Chris Hülsbecks Turrican II-Thema aufgeführt. Selbst für mich, der nie einen Amiga besaß, ist dieser Titel etwas Einmaliges. Schon allein die fantastische Melodie versetzt jeden in Gedanken in die Videospielewelt und erinnert an eine Zeit, von der viele noch ihr ganzes Leben lang schwärmen werden.

 Thumbnail Kurz vor der Pause folgte ein Klaviersolo vom japanischen Komponisten Takenobu Mitsuyoshi, welcher die Titelmusik zum hier zu Lande eher unbekannten World Club Champion Football komponierte. In der Pause gab es die Möglichkeit, sich für teure Getränke anzustellen oder vorallem seltene CDs der Komponisten im Foyer des Gewandhauses zu kaufen. Die Preise drehten sich in den üblichen Regionen von 20 bis 40 Euro und einige limiterte Alben waren schon bald ausverkauft.

Auch nach der Unterbrechung ging es asiatisch weiter. SaGa Frontier II und Musashi: Samurai Legend waren mir überhaupt kein Begriff, die Musik war trotzdem hörenswert. Anschließend wurde wieder ein Medley gespielt. Dieses Mal war es eine Zusammenstellung legendärer Amiga-Titel. Unter anderem Alien Breed, Lemmings, Turrican II oder Pinball Fantasies. Auch beim erfolgreichsten Spiel aller Zeiten "Die Sims 2" gibt es gute Musik, die in Leipzig präsentiert wurde. Nun wurde es wieder asiatisch mit dem Titel Memoro de la Stono aus dem Spiel Final Fantasy XI. Opernsängerin Izumi Masuda wurde vom Chor begleitet, der diesen Titel in Esperanto sang. Die erfürchtige Stimmung wurde mit Fear Of The Heavens aus Secret of Mana gehalten. Es war für mich zumindest das schönste Stück des Abends.

 Thumbnail Wir kehrten zurück nach Deutschland und hörten nun eine Suite aus Die Siedler II: Die nächste Generation. Der Komponist Ingo Nagel starb leider Anfang des Jahres mit nur 30 Jahren an einer Krankheit. Zusammen mit seinem Bruder Henning arrangierte er verschiedene Spiele-Soundtracks. Kurz vor dem Ende des Konzert wurde es nocheinmal heiter: Maniac Mansion: Day of the Tentacle ist ein Muss für jeden Adventure-Fan und Dank ScummVM wieder richtig gut spielbar. Die lustige und spannende Musik von Clint Bajakian, Michael Land und Peter McConnel runden das Abendteuer von Bernard, Roadie Hoagie, Laverne und Grün-Tentakel zu einem der gelungensten Spiele ab.

 Thumbnail Zum Abschluss gab es nochmal ein wahres Trommelfeuer an Musik: Metal Gear Solid 3: Snake Eater wurde nicht nur vom Orchester gespielt. An den Percussions trommelte Rony Barrak, der sich zuvor durch ein beeindruckendes Solo in die Herzen der Zuhörer spielte. Es gab anschließend Standing Ovations für jeden Künstler und gegen 23 Uhr endete das diesjährige "GC in Concert".

Für mich war es ein tolles Erlebnis, an welches ich mich sicherlich noch lange erinnern werde. Es bildete nicht nur den würdigen Auftakt für die Games Convention, sondern zeigt ganz deutlich, dass Computerspiele schon jeher nicht nur reine Unterhaltung sind. Das Spielekonzert kann ein geeignetes Medium sein, um Aussenstehenden die Faszination der Kunst- und Unterhaltungsform Computer- und Videospiel näher zu bringen. Denn die vielen Künstler haben es verdient.
MisterX
#1 · MisterX · 28.08.2007 13:31
Sehr guter Artikel, über ein Konzert ist es schließlich schwierig zu schreiben.

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