Computerspiele in Hollywood - Teil 1Hinter jedem erfolgreichen Film steckt ein starkes Buch. Na gut, nicht immer, aber vergleichsweise häufig. Das ist an und für sich sogar eine feine Sache, bedenkt man, dass der Inhalt zahlloser Romane, Kurzgeschichten und Dramen wie gemacht für die Leinwand zu sein scheint. Auf die Adaption einiger Bestseller lauerte die Menschheit Jahrzehnte. "Nicht ohne meine Tochter" gehört wahrscheinlich nicht dazu, aber Peter Jacksons "Herr der Ringe" erreichte den internationalen Legolas-Fanclub gerade noch rechtzeitig, ehe der mit einem 100 Dollar-Budget einen eigenen leidenschaftlichen Versuch unternommen hätte. Ein gutes Buch zu verfilmen, ist noch immer eine der cleversten Ideen, die ein Regisseur haben kann, und das war bereits 1922 so. Damals drehte Friedrich Wilhelm Murnau den Klassiker "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens", der sich mehr oder weniger an der Romanvorlage des irischen Schriftstellers Bram Stoker orientierten wollte. Noch heute ist "Dracula" gleich nach der Bibel das meistrezipierte Buch aller Zeiten. Kein Wunder, dass in den letzten achtzig Jahren 28 weitere Verfilmungen dazugekommen sind. Vampire und Hollywood sind eben ein chices Paar. Sucht er Brentanos "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl"? Wahrscheinlich
nicht. In einem der Schinken steckt sein nächster Auftrag. Ein gutes Buch auf Zelluloid zu zaubern, ist inzwischen also Usus. Vergleichsweise neu dagegen scheint, auch Computer- und Videospiele als Inspirationsquelle zu nutzen. Wohlgemerkt: Erst das Spiel, dann der Film. Zugegeben, auch das gibt es nicht erst seit gestern, aber wir erleben augenblicklich einen kleinen Höhepunkt der Bemühungen, der geradezu nach einer Analyse aus Sicht der Spielerschaft schreit. Rezensionen vermeintlich kundiger Film-Fachleute liest man schließlich überall. Was man hingegen kaum zu Gesicht bekommt, ist der multimediale Spagat, den solche Werke verdienen. Doch ohne den geht es nun einmal nicht. Bereits Mitte November beschlich mich das dringende Bedürfnis, dieses Thema am Schlafittchen zu packen, nachdem mit "Hitman – Jeder stirbt alleine" und "Schwerter des Königs – Dungeon Siege" noch vor Weihnachten zwei neue Filme mit PC-Vorfahren in die Kinos wandern sollten. Also recherchierte ich eifrig, legte mir den frisch auf die Softwarepyramide gekletterten vierten Teil der Hitman-Reihe zu, wartete auf die Feiertage und sah zu Beginn des neuen Jahres den dazu passenden Film für satte 10.40 Euro (3.20 Euro für einen halben Liter Cola inklusive). Jetzt fühle ich mich bestens gewappnet, ein paar Fragen zu stellen und selbst zu beantworten – wie geistreich das auch sein mag. Geht mein Plan auf, wissen wir am Ende, weshalb Computerspiele für Hollywood immer interessanter werden, mit welchen Stolpersteinen die Regie zu kämpfen hat und weshalb die jeweilige Zielgruppe Abänderungen der Originalidee nicht gleich persönlich nehmen sollte. "Eine Leiche zum Dessert" "Wieso ausgerechnet Hitman?", fragte ich mich insgeheim. Schließlich war es Weihnachten. Ich knabberte gerade enthusiastisch an einem Schenkel der etwas trocken geratenen Gans und balancierte noch einen Schlag Rotkohl auf meinen Teller, als ich mich dabei ertappte, eine Taktik für den nächsten Auftrag auszutüfteln. Während mir Oma mit Schokopudding und Schlagsahne zu Leibe rückte, dachte ich an ein Spiel, das der Weihnachtsmann mit ziemlicher Sicherheit nicht verschenken würde – aus gutem Grund. Warum also "Hitman", obschon es mit "Mortal Kombat", "Alone in the Dark" und "Resident Evil" wenigstens drei prominente Alternativen gegeben hätte? Die Antwort fächert sich, ist jedoch einfach: Liebhaber von Computerspielen bescheinigen dem Film, neben "Silent Hill" die gelungenste Umsetzung eines Spiels zu sein, was unter anderem dem Umstand zu verdanken ist, dass Uwe Boll, Spieleverfilmer mit Leib und Seele, ausnahmsweise nicht das Sagen hatte. Zudem steht die Hitman-Reihe nach einem Bericht des ZDF-Magazins Frontal 21 zum Thema "Gewalt in Computerspielen" auf der Fahndungsliste der Killerspielgegner, die ich hiermit recht herzlich grüßen möchte. Und last but not least: Die Unterschiede zwischen der erzählten Geschichte eines Third Person-Shooters und der eines Hollywood-Remakes sind anhand der Hitman-Reihe besonders schön herauszustellen. Die selbe Frage hatte man zu seiner Zeit übrigens auch dem Regisseur des Films, Xavier Gens, gestellt: "Wieso eigentlich Hitman?" Weil er selbst ein passionierter Gamer sei und dabei die Stunden mit Nr. 47 stets besonders genossen hätte, gestand Gens in einem Interview. Für Unkundige: 47 lautet die Kennnummer des humorlosen Protagonisten, der als genetisch perfekter Auftragskiller sein Geld verdient. Sinn und Zweck allen Handelns innerhalb der Missionen ist es, ausgewählte Zielpersonen so unauffällig und virtuos wie möglich um die Ecke zu bringen. Die jeweilige Hintergrundstory ist dabei allenfalls nebensächlich. Unter dem Titel "Hitman" sind bis dato vier Teile erschienen, wobei der erste in Deutschland indiziert ist und nicht vertrieben werden darf. Teil zwei ("Silent Assassin"), drei ("Contracts") und vier ("Blood Money") erhielten eine USK 18-Einstufung. Wer glaubt, das klinge nach einer soliden Basis für einen imposanten Actionfilm, irrt. Die Hitman-Reihe genießt besondere Privilegien, die an das Medium gebunden sind. Wechselt das Thema die Plattform, muss es zwangsläufig Charaktereigenschaften einbüßen respektive zulegen, um interessant zu bleiben. Klingt alles ein bisschen abstrakt? Abwarten! "Schlechte Nachricht ist ein schlechter Gast." Der Postbote erhält gerade sein Trinkgeld.
![]() Datum ... 23.01.2008 Kategorie ... Kolumnen Meinungen ... 0 Kommentare Weitere zugehörige Artikel · DLC - Diese leidliche Chose· Die kleine Welt der großen Spiele · Kai erobert die Hauptstadt und Station 54 – Woche 4 - Ende
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