Computerspiele in Hollywood - Teil 2Nebenproblem: Hauptdarsteller
Es gibt also ein paar Dinge, die 47 niemals tut. Er isst nicht (jedenfalls habe ich ihn in drei Teilen noch nicht einmal dabei erwischt), er überlegt nicht lange ("Erst schießen, dann fragen!") und er lächelt nie. Er lächelt überhaupt nicht, was gerade das weibliche Publikum unmöglich einfach so hinnehmen kann. Frauen wollen angelächelt werden. Ob vom Chef der Salatbar im Steakrestaurant oder vom Auftragskiller von nebenan – ein Lächeln öffnet Türen. Ohne ein herzerweichendes Schmunzeln gewinnt man in Hollywood keinen Blumentopf. 47 lächelt trotzdem nicht – normalerweise. Dafür bricht er dem Kanarienvögelchen, das als Alarmsystem herhalten darf, mit verbundenen Augen das Genick. Leider hat es dafür noch nie einen Golden Globe gegeben, geschweige denn einen Oscar. Den Protagonisten 1:1 aus dem Spiel zu übernehmen, stand also niemals zur Debatte. Da stellt sich doch die Frage, weshalb ein Typ wie 47 in ein Computerspiel passt, nicht jedoch in einen Actionfilm. Wo ist der Unterschied? Unterschiede gibt es viele. Einer liegt sicherlich darin, dass die Produktion des Filmes rund 32 Millionen US-Dollar verschlang. Ein Budget, von dem die Macher des Spiels nur träumen. Dieses Geld will wieder eingespielt werden und das funktioniert nun einmal nicht, wenn man lediglich die Ansprüche derer erfüllt, die das Spiel gespielt haben. Ein anderer besagt, dass Spiele ihre Fans nicht immer mit allen Stützpfeilern der Filmproduktion binden. Das haben sie gar nicht nötig. Die Figur des 47 macht einen einfallslosen Eindruck? Mag sein. Die Stories der Teile wirken nach wenigen Missionen belanglos? Und wenn schon. Eidos’ Third Person-Shooter thront bereits seit Jahren im Olymp für Unterhaltungssoftware. Der Spieler wird in das Geschehen gesogen und sieht sich Aufgaben gegenüber, die seine ganze Aufmerksamkeit verlangen. Wer sich ständig Sorgen machen muss, von einer versteckten Überwachungskamera beim Zerlegen des Weihnachtsmannes mit einem Küchenmesser beobachtet zu werden, verschwendet keinen Gedanken daran, wie oft die Rahmenhandlung in die Binnenhandlung schneidet und ob es sich bei dem finalen Kampf um ein Anti-Klimax handelt. Dadurch, dass der Spieler interaktiv eingebunden und gefordert wird, vernachlässigt er, was ihn beim bloßen Zusehen gelangweilt hätte. Der Kompromiss in Sachen Hauptdarsteller zwischen Spiel und Film heißt Timothy Olyphant. Der 39-Jährige spielte bereits in Scream 2, Dreamcatcher und Stirb langsam 4.0. Trifft er das Original? Nicht ganz, das Coverbild (siehe oben) schmeichelt ihm. Olyphants Züge sind weicher als die des virtuellen Vorbilds, der kaum erkennbare, dunkle Haaransatz ein Makel. Zudem besitzt der in Honolulu geborene Hawaiianer natürlichen Charme. Wenn er versucht, ausdruckslos dreinzuschauen, schleicht sich ein verführerisches Lächeln auf seine Lippen. Ganz schlecht! Dass Hitman-Fans mit ihm in der Hauptrolle dennoch gut bedient sind, zeigt sich vor allem in einer Szene des Films. 47 und drei weitere Klone stecken in einem mexikanischen Unentschieden, jeder hält zwei Kanonen an zwei verschiedene Köpfe. Spätestens jetzt wird klar: Es hätte noch schlimmer kommen können. Viel, viel schlimmer. "Babynator" Vin Diesel war im Übrigen die offizielle Alternative zu Timothy Olyphant gewesen. Da sage ich: Glück gehabt! Nicht soviel Glück wie Tomb Raider-Fans mit Angelina Jolie als Lara Croft, aber beschweren sollte sich niemand. Und schließlich bleibt die Frage, wie nah man einem computergenerierten Gesicht überhaupt kommen konnte und wollte. Ob der Kleine dem finster dreinblickenden Mann sein Quietscheentchen unter die Nase
halten würde, wenn er wüsste, was der mit seinem Kanarienvogel gemacht hat? Hauptproblem: Nebendarsteller Eine amüsante Einschätzung, die ganz zweifelsfrei beweist, dass man den Tenor der Spielreihe genauso wenig erfasst hat wie der Verfasser des Skripts. Wer die Rolle der Nebendarstellerin eines simplen Actionfilms mit Meryl Streep besetzen möchte, kommt natürlich partout nicht darauf, wo der Hase im Pfeffer liegt: Es dürfte überhaupt keine Nebendarstellerin geben. 47 arbeitet und schläft alleine. Er legt Leute um, für alles andere wird er nicht bezahlt. Dass das für die Leinwand zu wenig ist, liegt auf der Hand. Im Handbuch steht: Held mit Kanone oder Schwert rettet schnuckeliges, aber wehrloses Mädchen, das sich daraufhin erkenntlich zeigt. Basta! Alles andere hat hinten anzustehen, als erstes das Original. Was Hobbit-Erfinder J.R.R. Tolkien wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass Peter Jackson Arwen zur Rettung Frodos herbeieilen ließ, anstatt Glorfindel, wie ursprünglich im Buch vorgesehen? So oder so, für den Geschmack der breiten Masse brauchte Aragorns Liebste mehr Leinwandzeit und das Epos keinesfalls noch einen lächerlich klingenden Elbennamen. Also wurde das Drehbuch angepasst. Der Unterschied: "Der Herr der Ringe" hatte Produktionskosten von 350 Millionen US-Dollar wettzumachen. Mehr als 26.000 Statisten wollten zwischen dem Ansturm auf Helms Klamm und dem auf Minas Tirith wenigstens einen Donut und einen Cappuccino spendiert bekommen, wenn man sich schon ehrenamtlich als humpelnde Ork-Made oder grunzender Uruk-Hai rekrutieren ließ. Leider standen die Einnahmen in Höhe von 3 Milliarden US-Dollar erst nach dem Dreh zur Verfügung. Zugeständnisse bezüglich der Handlung waren deshalb unumgänglich. Im Maßstab 1:1.000.000 gilt das auch für "Hitman – Jeder stirbt alleine." Gerüchten zufolge stehen Frauen auf Männer mit Humor. Der Scherzkeks hier hat es
allerdings nur auf den Microfilm in ihrem Medaillon abgesehen. ![]() Datum ... 09.03.2008 Kategorie ... Kolumnen Meinungen ... 0 Kommentare Weitere zugehörige Artikel · DLC - Diese leidliche Chose· Die kleine Welt der großen Spiele · Kai erobert die Hauptstadt und Station 54 – Woche 4 - Ende
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