Goblins gemeine Gaming-Glossen :: Der pawlowsche GamerGoblins gemeine Gaming-Glossen
Der pawlowsche GamerAls ich mich das bisher einzige Mal in meinem Leben im Jahr 2006 auf eine Games Convention verirrte, begegnete ich dort dem berühmten Kalle Bowo. Der trank einen Cola-Korn auf Ex nach dem anderen ohne dass sich seine Persönlichkeit in irgendeiner wahrnehmbaren Form verändert hätte und erzählte mir eine interessante Geschichte: Jedes Mal, wirklich jedes Mal, wenn er sich mal wieder an den Einzelspieler-Feldzug von C&C Renegade heran wagt, passiert es. Er hat augenblicklich und unvermeidlich den Geschmack von einem Gesöff im Mund, was er als das Spiel erschien den ganzen Tag – also natürlich auch beim Zocken – über getrunken hat. Er hat sich davon aber losgesagt und es eigentlich bisher nicht mehr angerührt. Nach den Jahren die mittlerweile vergangen waren müsste er ja eigentlich vergessen haben, wie es schmeckt, aber nein, das hat er nicht. Spielt er Renegade ist es, als würde er in die Vergangenheit zurückreisen und es trinken. Unweigerlich! Diese Geschichte stimmte mich etwas nachdenklich. Nicht in dem Augenblick, in dem er sie mir erzählte. Dazu war die Stimmung wohl zu aufgeheizt, aber irgendwie ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Denn es ist ja schon seltsam, ein Spiel wie Renegade auf ein Getränk zu beziehen. Eigentlich ist es ja so, dass die Spiele existieren, wie sie existieren und die Außenwelt hat, sobald sie einmal fertig entwickelt sind, kaum noch Einfluss auf sie. Es ist im Grunde genommen egal, ob man C&C 1 im Jahr 1995 zum ersten Mal gespielt hat, oder ob man es heute tut. Da man die Inhalte erst zu dem Zeitpunkt kennen lernt, wenn man sie entdeckt, verbindet man das Spiel immer mit genau dieser Zeit. Es ist noch anders, als bei Filmen irgendwie. Die finden nach spätestens drei Stunden ihr verdientes Ende, besonders in jüngeren Jahren hat man sich mit so manchem Titel für Monate beschäftigt und so schießt einem, wenn man ihn nach Jahren wieder auspackt, etliches aus der Vergangenheit plötzlich durch den Kopf, was man eigentlich vergessen hat. So ist es zumindest bei mir und ich vermute einfach mal, dass es bei den meisten nicht anders ist. Kalle Bowo ist trotz seiner stark ausgeprägten Kreativität nur ein Gamer, wie wir alle. Wieso sollte es bei ihm anders sein? Auch ich habe zum Teil die merkwürdigsten Assoziationen, wenn ich ein altes Spiel wieder spiele oder auch nur an es denke. Gegen das, an das ich zum Teil denken muss, wenn ich an meine Tomb Raider-Zeiten zurückdenke, ist Kalles Geschichte nämlich eigentlich eher harmlos. Es war nämlich damals so, dass ich selbst nur eine alte Krücke als Rechner hatte und die Spiele darauf nicht liefen. Deswegen musste ich mich an dem PC meiner Mutter vergreifen. Dieser stand aber leider mitten im Wohnzimmer, wo auch der Fernseher stand. Man ließ sich von mir natürlich nicht weiter stören und benutzte ihn dementsprechend zum Konsum des mehr oder weniger anspruchsvollen Nachmittags-, Abends und manchmal auch Nachtprogramms. Ich sah zwar nicht, was meine Familienangehörten sich so zu Gemüte führten, ich hörte es aber und genau das war die Krux. Der kleine Bär, den... Und so kommt es, dass, wenn ich auch nur an Tomb Raider III denke, ich eigentlich mehr oder weniger sofort dieses Level und damit die Geräuschkulisse dieses Filmes im Kopf habe. Die bestand zu 90% aus übermotiviert synchronisierten Zitaten, wie "Jetzt werden wir bestimmt alle gekauft!" und sie wird mich vermutlich bis an mein Lebensende verfolgen! Eher lustig ist das, an das ich bei Tomb Raider II The Golden Mask denke. In jener Zeit hieß Das Vierte noch NBC und schon damals versuchte man es zu Uhrzeiten, die Giga noch nicht erobert hatte, mit uralten Spielfilmen. Meine Mutter hat nun einen dieser alten Schinken gesehen. Leider haben sich nicht sonderlich viele Menschen für den Sender entschieden, sodass sich für die Werbeblöcke nur ein Unternehmen fand. Dieses vertickerte allerlei DVDs und Videos und jeder, wirklich jeder Spot endete mit den Worten "…jetzt auf Video und DVD im Handel erhältlich, oder gleich bestellen…" Die letzten drei Worte trieben nicht nur mich in den Wahnsinn, auch meine Mutter brüllte irgendwann mit den Nerven völlig am Ende: "Ja, 'oder gleich bestellen', dann muss man sich ja gar nicht überlegen, ob man das überhaupt braucht!!!" Und so habe ich nicht Laras betörendes Stöhnen im Ohr, wenn ich daran denke, wie ich in diesem Spiel durch Eishöhlen kletterte, nein, ich höre "oder gleich bestellen". Es ist einfach nur grauenhaft. Die Verhältnisse besserten sich und schon bald hatte ich einen PC, der besser war als der meiner Mutter. Es gab also nur noch die Tonkulisse, die ich mir wünschte und keine andere. Doch es ja eigentlich erschreckend, wie peinlich genau ich mich an etwas erinnere, das ich vor sieben Jahren beim Zocken zu meinem Leidwesen eher zufällig mithören musste. Es scheint sich dermaßen tief ins Bewusstsein hinein gefressen zu haben, dass es unmöglich ist, es zu vergessen. Es beschränkt sich ja wohlgemerkt auch nicht auf gehörte Sätze, denke ich bei Age of Empires an die Mission "Königin Zenobia", stellen sich mir die Nackenhaare auf. Mein Vater meinte nämlich damals unbedingt zu diesem Zeitpunkt mit einer Harke das Unkraut zwischen den Pflastersteinen unserer Terrasse entfernen zu müssen – mit einem entsprechend knartschenden Geräusch versteht sich. Diese Geschichten waren aber weder das erste, noch das letzte Mal, dass ich in meinem Leben mit sich ewig wiederholenden Kinderfilmen, Werbespots oder unangenehmen Geräuschen konfrontiert worden wäre. Warum sind sie mir so gegenwärtig, wie am ersten Tag? Wieso kann ich sie nicht vergessen? Seit Nintendo-Zeiten ist es jedem bekannt: Spielmusik ist kult. Sie macht aus einem ganz netten Spielchen erst ein unvergessliches Erlebnis. Unvergesslich deshalb, weil man gerne noch für Stunden und Tage von Ohrwürmern geplagt wird. Die Musik muss nicht mal so eingängig sein, wie die von Super Mario, man vergisst sie so schnell nicht. Irgendwie scheint man beim Spielen ganz anders wahrzunehmen, als bei anderen Tätigkeiten. Sämtliche Sinnesorgane scheinen auf voller Aufnahmebereitschaft zu stehen, ob das nun die Geschmacksnerven, wie im Falle von Kalle Bowo, oder die Ohren sind, wie bei mir. Der Teil des Gehirns, der sinnvolle und völlig unnütze Informationen eigentlich auseinanderhält, ist lahm gelegt. Es wird gnadenlos alles aufgenommen und gespeichert. Komme, was da wolle. Man ist wohl einfach zu sehr aufs Zocken konzentriert, um noch wirklich differenzieren zu können. Hier fände sich doch eine gute Möglichkeit, uns zu konditionieren. Jeder kennt wohl den Pawlowschen Hund. Der hörte jedes Mal eine Glocke läuten, bevor er was zu fressen kam, was irgendwann dazu führte, dass sich in seinem Maul schon beim hören der Glocke Speichel bildete. Sein Gehirn assoziierte den Klang der Glocke mit der bevorstehenden Mahlzeit. Das ist Konditionierung und ein Beweis dafür, wie erschreckend beeinflussbar wir sind. Aber wäre das nicht die perfekte Möglichkeit, uns endlich einmal Dinge beizubringen, die wir sonst nie behalten würden? Wie wäre es, wenn beim Spielen im Hintergrund auf dezente Weise Vokabeln oder gar Matheformeln zugeflüstert bekämen? Würden wir sie endlich mal behalten? Würde es uns tatsächlich gelingen, sie nie zu vergessen? Es gab bereits Versuche, den Leuten im Schlaf mit Kassetten Wissen zu vermitteln, aber funktioniert hat das nicht. Beim Schlafen nehmen wir unterbewusst weiter war, aber dass man es unterbewusst weiß, nützt einem nichts, wenn man beim vollem Bewusstsein gefragt wird. Beim Spielen sind wir aber – auch wenn es äußerlich nicht den Anschein haben mag – bei vollem Bewusstsein. Bisher konnte nur bewiesen werden, dass der Computer Mittel zum Lernen nichts taugt. Von hoch bezahlten und studierten Pädagogen entwickelte Lernsoftware erzielte nicht die erwünschten Erfolge. Wohl einfach deshalb, weil sie es zu direkt versuchte. Weil sie uns wissen ließ, dass wir zum Lernen hier sind. Weil sie hinter einer bunten Fassade doch nur trockenes Schulwissen beinhaltete. Spielen aber tun wir gerne und seltsamerweise nehmen uns Pädagogen das übel. Vielleicht weil sie hier vorgehalten bekommen, wie sehr sie eigentlich versagen. Wie intensiv man sich mit etwas befassen kann, wenn man nur einen Anreiz bekommt. Sollten die alten Feindbilder vielleicht aufgegeben werden, kann man Computerspiele vielleicht doch sinnvoll einsetzen? Es wäre wohl eine zu schöne Vorstellung, denn dann könnte sie uns niemand mehr verbieten wollen. Ein martialisches, in Deutschland verbotenes Killerspiel spielt der Junge, aber lass’ ihn mal. Er lernt ja wenigstens was dabei. Höhö, bin ich nicht ein Visionär? Aber mit ziemlicher Sicherheit ist das auch irgendwo gefährlich. Man stelle sich nur vor, die Werbeindustrie würde hier eine Methode für sich entdecken, die ausnahmsweise mal wirkungsvoll ist. Erbärmliches Product Placement á la FEAR und Splinter Cell verzeichnete bisher wohl kaum einen Erfolg. Besonders, wenn bei ersterem im Original noch überall Dell-PCs stehen und in der Erweiterung "Extraction Point" (Für diesen Mist habe ich 30 € bezahlt…) sind sie dann plötzlich von Alienware. Ja, welches Produkt soll ich mir denn nun nicht kaufen, weil ich beim Zocken nicht mit Werbung belästigt werden möchte? Auch das Unterbringen von nVidia und Pentium-Videos beim Spielestart konnte mich zumindest bei letzterem bisher nicht zum Kauf animieren. Das ist ja eigentlich auch nur die gleiche Chose, wie im Abendprogramm. Nur weil ein schlechter Film von der Krombacher-Brauerei "präsentiert" wird, soll ich plötzlich anfangen, das Zeug zu trinken? So weit kommt es noch. Würde man uns aber im Hintergrund während wir spielen immer wieder die Vorzüge eines überteuerten Produktes aufzählen… Nein, manchmal bin ich heilfroh darüber, dass nur mir solche kranken Ideen kommen und dass nur ich über solch einen Unfug überhaupt zu schreiben bereit bin! ![]() Datum ... 10.12.2008 Kategorie ... Kolumnen Meinungen ... 8 Kommentare Weitere zugehörige Artikel · DLC - Diese leidliche Chose· Die kleine Welt der großen Spiele · Kai erobert die Hauptstadt und Station 54 – Woche 4 - Ende
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